Kolumbien 2015/16

22. Dezember 2015

Bogota

24. Dezember 2015

Nach Palmari

25. Dezember 2015

Palmari

29. Dezember 2015

Villa de Leyva

02. Januar 2016

Nach Güican

03. Januar 2016

El Cocuy

Am Morgen haben wir unseren Bergführer Armando getroffen, der für seinen Bruder eingesprungen ist, mit dem wir eigentlich wandern wollten. Das Sprachtalent ist zwischen den Brüdern unfair verteilt worden, so dass wir die nächsten Tage auf primitive Unterhaltungen in Spanisch angewiesen waren. Nichtsdestotrotz war er sehr sympathisch. Nach den Formalitäten im Büro des Nationalparks haben wir uns unserer großen Rucksäcke entledigt, die die erste Strecke mit dem ganzen Camping- und Bergsteigegerümpel per Auto vorausgeschickt wurden.

So erleichtert sind wir los marschiert. Der Trampelpfad führt aus dem Ort hinaus in eine große, grüne Schlucht, wo es dann wild bergauf und bergab ging. Die am Ende erreichten Höhenmeter sind wir mindestens dreimal gegangen. Aber die Landschaft war sehr schön – eine wildere, höher gelegene Variante der Voralpen. Die kleinen Hütten werden von gestörten Hunden bewacht, die bei Passanten völlig durchdrehen. Ansonsten ist es ein friedliches Paradis für Kühe, die hier gemächlich Qualitätsgras mahlen und auf den netten Mann mit dem Poncho warten, um gemolken zu werden.

Nach ein paar Stunden hatten wir die "Hacienda Esperanza", den Platz für die erste Nacht, erreicht. Direkt danach hat es angefangen zu hageln und zu regnen. Gutes Timing. Die Hazienda ist ein alter Hof mit einer Küche, einem offenen Essbereich und ein paar Gästezimmer, die um einen hübschen, kleinen Innenhof liegen. Die Betreiber haben uns sofort mit Tee und Kaffee versorgt, um uns aufzuwärmen. Die Dusche ist der letzte Ort mit warmem Wasser auf unserer Tour.

Der Zeltplatz liegt malerisch in einer kleinen Senke zwischen kleinen Büschen und dicken Steinen. Dort waren wir erstmal erleichtert, das uns ein gutes North Face Zelt zur Verfügung gestellt wurde und keine Gummiplane mit Stöcken. So konnten wir zuversichtlich in unsere erste Nacht im Zelt starten. Nachts kühlt es hier leicht auf einstellige Temperaturen ab. Aber unsere Schlafsäcke waren noch unterfordert.

04. Januar 2016

Am nächsten Tag war Schleppen angesagt. Mit der Hälfte des Gepäcks (die andere wurde per Pferd verschickt) sind wir zum Zeltplatz "Sisuma" gewandert, wo wir die nächsten drei Nächte verbringen würden – unser Basislager also. Anfangs hat Armando uns kreuz und quer über Kuhweiden einen Hang hoch gejagt. Dabei haben wir genauso schnell an Höhe gewonnen, wie die Beine an Kraft verloren. Dahinter fing aber das schöne "Valle de Lagunillas" an, wo wir bald die ersten "Frailejones" erreichten. Diese endemische Pflanze sieht ein bisschen aus wie eine Agave auf einem palmenartigen Stamm. Zur Blüte entfalten sich viele pelzige, gelbe Stängel mit Blüten, die wie kleine Sonnenblumen aussehen. Sie wachsen nur einen Zentimeter pro Jahr, so dass wir uns inmitten all der mannshohen Pflanzen ziemlich jung vorkommen.

Nach der anfänglichen Begeisterung über die ersten Exemplare, hat die Vegetation bald nichts anderes mehr zu bieten. Allerdings gibt es hier Frailejones in jedem Alter. Die jüngsten stehen direkt auf dem Boden zwischen anderen Heidegewächsen, wie zum Beispiel einer eigenartigen gelben Blume, deren Blätter fast weiß sind, bei Nässe aber grünlich werden.

In der Mitte des Tals schlängelt sich ein kleiner Fluss und bildet hier und da die wohl namensgebenden kleinen Lagunen. Leider haben die Nationalparkpfleger den Wanderweg und auch den Fluss komplett in Stacheldraht eingezäunt. Sie wollen sich wohl nicht auf die Parkordnung verlassen, dass man die Pfade nicht verlassen soll. Das Verdirbt jedes Foto und nimmt dem Weg seine Wildheit.

Die Hütte "Sisuma" ist leider nicht so gut geführt, wie die vorige. Nur eine Dusche funktioniert und deren Durchlauferhitzer ist auch noch kaputt. Das ist ein echter Nachtteil, weil es hier, wenn die Sonne weg ist, sehr schnell sehr kalt wird. Auch sonst ist alles etwas lieblos und in schlechtem Zustand. Dafür hat man entlang des Tals einen grandiosen Blick auf den Gletscher, der sich morgens auch mal wolkenlos zeigt. Es ist der "Pan de Azucar", auf den wir es abgesehen haben.

05. Januar 2016

Die Nacht im Zelt auf fast 4000m Meter war deutlich kälter als die vorige. Die dicken Schlafsäcke haben ihr bestes gegeben, waren aber auf die Hilfe der Skiunterwäsche angewiesen. Ein paar Steine unter dem Zelt haben akrobatische Liegepositionen erfordert. Am Morgen war das Zelt mit Eis überzogen. Da will man eigentlich nicht aufstehen. Aber wir konnten wenigstens so lange schlafen, bis die Sonne den Zeltplatz erreicht hatte. Heute stand nur ein Akklimatisierungsausflug auf 4400m Höhe auf dem Programm. Nach Kaffee und Frühstück, das Armando auf seinem geliebten Benzinkocher zubereitet hat, sind wir aufgebrochen.

Der Weg zum "Paso del Cusirí" führt zunächst an einigen großen Lagunen vorbei. Eine schön, etwa achtförmig geschwungene heißt "Laguna Quadrada". Naja. An den Lagunen trifft man auf eine Menge Spaziergänger, die sich vermutlich auch auf höhere Wanderungen vorbereiten.

In mäßiger Steigung geht es auf einem kleinen Pfad einer Lücke im schroffen Grat entgegen, der das Tal begrenzt. Die Bergformationen, an denen wir vorbeikommen, lassen erahnen, dass die Berge mit unglaublicher Gewalt geformt wurden und nicht schon immer da waren. Schichtweise liegen massive Platten übereinander und kippen zum anderen Ende des Plateaus hin nach hinten weg. Der Grat, auf den wir zugingen, erinnert an riesige Schieferplatten. Da hier die Vegetation weitestgehend aufhört, befindet man sich in einer Welt aus reinem Grau. Hinter dem Pass sammeln sich die Wolken, und als wir ihn erreichten, war dahinter überhaupt nichts mehr zu erkennen – das Ende der Welt. Nach ein paar Minuten hatte der starke Wind den Blick auf weitere Berge und Täler freigemacht.

Auf dem Rückweg haben wir ordentlich Gas gegeben, weil es angefangen hatte zu regnen und zu hageln. Am Nachmittag ist es hier immer regnerisch. Wir haben die Akklimatisierung gut überstanden und uns mit weiteren Mahlzeiten und viel Schlaf auf den morgigen Aufstieg vorbereitet.

06. Januar 2016

Der Tag des Aufstiegs hat sehr früh begonnen. Gegen fünf haben wir das Lager unter klarem Sternenhimmel verlassen. Der erste Teil ähnelte dem gestrigen Marsch, nur auf den kleinen Lichtkegel der Stirnlampe begrenzt. Unser Führer hat ziemlich Gas gegeben, weil es heute insgesamt 8-9 Stunden (nach seiner optimistischen Schätzung immerhin 7h) werden sollten. Schon nach kurzer Zeit begann die Dämmerung und die Landschaft setzte sich mehr und mehr zusammen. In den Bächen fließt glasklares Wasser, mit dem wir unsere Flaschen auffüllen konnten. Nach einer Stunde endete der Pfad in einer steilen Bergflanke voller großem Geröll.

Leider war das der richtige Weg. Denn anschließend mussten wir eine weitere Stunde steil bergauf kraxeln, bis wir ein Plateau auf 4700m erreicht hatten. Etwas frustrierend war das nette ältere Ehepaar, das uns fröhlich plaudernd in Straßenschuhen verfolgt und anschließend überholt hat. Als wir uns ächzend die nächsten hundert Höhenmeter heraufgeplagt hatten, waren die beiden schon da und haben Spaßfotos gemacht.

Die nächste Etappe ging über eine gigantische Platte. Hier war vor zehn Jahren noch der Gletscher und hat den Stein in unendlicher Mühe glatt geschliffen. Heute ist dieser Bereich komplett abgetaut. Die Steigung war zwar gegen den Geröllhang moderat, aber die Höhe hat hier schon begonnen ihren Tribut zu fordern. Auf der anderen Seite des Plateaus kamen weitere wüste Täler und Berge ins Blickfeld. Unser Gipfel ist nur einer unter mehreren Dutzend, und auch nicht der höchste. Nach insgesamt drei Stunden, in denen die Schrittlänge von normalem Austreten schon auf knappe Fußlängen geschrumpft ist, kamen wir keuchend am Rand des Schneefelds an, das den Gipfel umgibt.

Die wohlverdiente Pause haben wir zum großen Teil damit verbracht die vorsintflutlichen Steigeisen anzulegen. Spätestens bei der Anprobe am Vortag hätte uns klar werden müssen, dass die Sache anstrengend werden würde. Aber der letzte Teil, der dann folgte war ein nicht enden wollender Selbstversuch in Erschöpfung. Nach mehrmaligem Neuschnüren haben wir uns angeseilt und haben die steile Flanke zwischen dem Gipfel und dem berühmten "Pulpito del Diablo" in Angriff genommen. Letzterer ist ein fast 100m hoher Felsen, der mit seinen komplett senkrechten, nackten Wänden und einer rechteckigen Grundfläche unnatürlich aus dem Schneefeld herausragt.

Unter schwerem Keuchen ist unsere Seilschaft in Trippelschritten an den lachenden Alten vorbei, die hier noch ein paar lustige Videos gedreht haben. Alle paar Schritte ging uns die Puste aus und wir mussten unseren Führer stoppen. Selbst die Kamera zu heben und Fotos zu schießen wurde zur brutalen Anstrengung. Alles, was den Atemrhythmus durcheinander bringt, kostet Energie. In dem makellosen Weiß des Gletschers ließ die eingetrampelte Spur unserer Vorgänger erahnen, wie steil es weiter ging. Hinter dem Pulpito öffnet sich zur linken ein phantastischer Blick auf die "Laguna Grande de la Sierra" und die umliegenden Gipfel. Doch die Lunge wollte nicht mehr schwärmen und staunen. Zur rechten führten die Fußstapfen viel zu steil hinauf.

Zum windumtobten Gipfel führt ein schmaler, steiler Grat. Die Eispickel, die wir bis dorthin nur zum abstützen brauchten, mussten wir an einer treppenartigen Stelle tief in den Schnee schlagen, um uns hochziehen zu können. Über mehrere solcher Treppen und mit vielen Pausen haben wir schließlich die Wechte erreicht, die den Gipfel in 5100m Höhe überzieht. Einige kurze Sekunden lang, konnten wir unter dem dunkelblauen Himmel den hart erkämpften, süßen Moment genießen, wo alles um uns herum niedriger war. Kein Schritt höher war mehr zu gehen. In den Spalten im Schnee funkelte hellblau das Eis und rund herum konnten wir Wolken unter uns her ziehen und über der grandiosen Landschaft von El Cocuy sehen.

Dann hat der Führer uns von der Kuppe gescheucht und wir haben uns an den Abstieg gemacht. An den steilen Treppen gab es Stau beim abseilen, danach war es wieder unsere eigene Lunge, die die Geschwindigkeit, oder besser die Langsamkeit bestimmten. Über drei Stunden hat uns der Auf- und Abstieg über das Schneefeld gekostet. Dass wir nur so langsam an Höhe verloren, hat an den Kräften gezehrt. Das freigelegte Gletscherplateau war zwar leicht zu gehen, ging aber mit seiner permanenten Neigung schon sehr in die Knie. Das Geröllfeld hat uns dann den Rest gegeben. Wobei es erstaunlich war, wie viele Menschen hier waren. Ganze Familien, die "nur" bis zum Rand des Gletschers spaziert sind, kämpften sich die Steine hinab, die vom Plateau aus senkrecht abzufallen scheinen. Nach weiteren zwei Stunden und ingesamt etwas unter 10 Stunden hatten wir endlich unser Zelt erreicht.

07. Januar 2016

Mit viel Schlaf hatten wir uns schnell von den grenzwertigen Strapazen des Gipfelsturms erholt. Der letzte Tag der Wanderung ging glücklicher Weise fast nur bergab. Nachdem wir das Valle de Lagunillas recht schnell durchwandert hatten, sind wir auf einen kleinen Trampelpfad abgebogen, der uns durch ein ganz anderes Terrain führte: Ein Wald aus knorrigen Bäumen mit rot-orangenen Stämmen, die in einem fort abzublättern scheinen. Dazwischen lagen vermooste, sumpfige Wiesen, in denen man bei einem falschen Tritt auch mal bis zur Wade einsinken kann. So haben wir uns langsam wieder ins Reich der Kühe und Schafe begeben, bis wir schließlich in einem tristen Kaff mit dem vielleicht höchstgelegenen Basketballplatz der Welt aufgegabelt wurden. Von dort sind wir mit einem Pickup die erstaunlich lange Strecke Biegung für Biegung zurück nach Güican gefahren, wo wir endlich die lang ersehnte, heiße Dusche bekamen.

Weil Cocuy so entlegen ist, ist es auch verkehrstechnisch schlecht angebunden. Um das wettzumachen haben wir die Nacht im Hotel gestrichen und sind um sieben Uhr abends in den Nachtbus nach Bogota gestiegen. Die "Libertadores" haben luxuriöse Busse und sind pünktlich abgefahren. Wir hatten schon vor dem Trek Sitzplätze reserviert. Es ist ein Wunder, dass der große Bus die engen Serpentinen, wenn auch teils nur mit rangieren, geschafft hat. In der Nacht sind wir quälend langsam durch die traurigen, kleinen Dörfer getuckert. In einem Ort war Rummel, was fast noch trauriger war. Mit Höchstgeschwindigkeit 25 km/h und in akustischer Geiselhaft eines stark gestörten Busfahrers mit Vorliebe für quetschkommodenlastige Irrenmusik, die wie eine heimliche Aufnahme aus einer Karaoke-Bar klang (vielleicht hat er es selbst eingesungen?), sind wir in Richtung Bogota gekrochen, bis wir endlich in flachere Regionen kamen. Dort wurde der Bus endlich schneller und die Musik gnädiger Weise leiser, bevor wir unser Mitwirken am Kennedy-Mord gestehen mussten.

08. Januar 2016

Cartagena

09. Januar 2016

Islas del Rosarios

10. Januar 2016

Cartagena

12. Januar 2016

Palomino

Land und Leute